Chronik

Die Mödlinger Singakademie – 1919 bis jetzt

 

Die Geschichte der Mödlinger Singakademie (MSA) ist untrennbar mit Prof. Rudolf Knarr verbunden. Als bedeutender Mödlinger Musiker und Dirigent hat er es sich zum Ziel gesetzt, Ludwig van Beethovens Missa solemnis alljährlich am Ort ihres (teilweisen) Entstehens durch heimische Kräfte zur Aufführung zu bringen. Zu diesem Zweck gründete er 1919 die Mödlinger Singakademie, einen gemischten Chor, bestehend aus Sängerinnen und Sängern aus Mödling und Umgebung. Gemeinsam mit der Schaffung eines Beethovenmuseums (Beethoven-Festspielhaus) sollte dies Mödling in den Rang einer internationalen Festspielstadt erheben.

Die Pläne sollten mit Hilfe der „Mödlinger Beethovenhausstiftung“ realisiert werden, die von 1926 – 1939 bestand. 1936 wurde auf Initiative von Prof. Knarr in der Neusiedlerstraße 44 eine „Musikschule der Mödlinger Beethovenhaus-Stiftung“ errichtet, deren Leitung er auch bis 1939 innehatte. Die Räume für den Unterricht wurden vom musikliebenden Chemiker Dr. Hermann Cajar in seinem Haus zur Verfügung gestellt. Dr. Cajar ließ auf seinem Grund auch den zur Schule gehörenden Beethovensaal erbauen – einen geschmackvoll ausgestatteten Konzertsaal für etwa 100 Personen. In dieser Schule sollten auch die Chorsängerinnen und -sänger der MSA ausgebildet werden, um für die schwierige Aufgabe einer Aufführung der Missa solemnis gerüstet zu sein.

Nach dreijährigem Bestehen auf privater Basis wurde die Beethovenschule 1939 von der Gemeinde Wien übernommen. Prof. Knarr stellte die Schule ab 1956 unter die Obhut der Mödlinger Singakademie und leitete sie bis 1964. Am 1. September 1968 wurde sie dann mit dem gesamten Personal und Inventar von der Stadtgemeinde Mödling übernommen. Im Dezember 1970 konnte sie schließlich als städtische Musikschule ihren Unterrichtsbetrieb aufnehmen. Seither ist sie in eigenen Räumen in der Babenbergergasse 20 zu finden, die auch der MSA als Probenlokal dienen.

Bereits 1906 hatte Prof. Knarr den Mödlinger Musikverein (MMV) gegründet – ein Symphonieorchester mit heimischen Kräften, das bis 1919 bestand und dann mit der ebenfalls von Knarr ins Leben gerufenen Mödlinger Singakademie fusioniert wurde. Mit dem Orchester brachte Knarr bedeutende Meisterwerke wie z.B. Beethovens V. Symphonie, Schuberts VI. oder auch Symphonien von Haydn zur Aufführung.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann auch das kulturelle Leben wieder zu florieren. So waren z.B. im Jahr 1918, genau 100 Jahre nach Beethovens Aufenthalt in Mödling, Arnold Schönberg und sein Schüler Anton Webern in unsere Stadt gezogen. Das Schönberg-Haus in der Bernhardgasse 6 wurde buchstäblich Sitz der „Wiener Schule“. Hier unterrichtete Schönberg nicht nur seinen großen Schülerkreis und pflegte mit bedeutenden Persönlichkeiten gesellschaftlichen Verkehr, sondern entwickelte auch seine „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“, die später die Musik des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflussen sollte.

Die Missa solemnis erklang zum ersten Mal am 13. Juni 1920 in der alten Stadtpfarrkirche St. Othmar, um an Beethovens Aufenthalt und sein Schaffen an diesem Werk vor rund 100 Jahren in Mödling zu erinnern. Der Andrang war so gewaltig, dass viele Besucher keinen Einlass fanden. Daraufhin öffnete man alle Türen, damit auch die draußen Stehenden diesem musikalischen Ereignis beiwohnen konnten. Prof. Rudolf Knarr wurde seitens der Gemeinde der Dank ausgesprochen und gleichzeitig die Zusicherung gegeben, dass die Stadt Mödling zukünftig den Schutz der Missa-Aufführungen übernehmen wird. Diese konnten in ununterbrochener Folge bis 1930 fortgesetzt werden, danach gab es nur noch 1935 und 1938 je eine Aufführung. Erst ab 1951 gelang es – nicht zuletzt dank der Subventionen seitens der Gemeinde, des Landes und des Bundes – die Tradition der Mödlinger Missa-Aufführungen wieder aufzunehmen und nahezu lückenlos wieder fortzuführen.

Das Orchester stellten vor dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig die Wiener Philharmoniker und nach dem Krieg übernahm das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester den Instrumentalpart.

Prof. Rudolf Knarr dirigierte nicht weniger als 28 Missa-Aufführungen in Mödling und eine Aufführung im Großen Musikvereinssaal in Wien. Am 9. Oktober 1966 stand Prof. Knarr zum letzten Mal am Dirigentenpult der Mödlinger Singakademie. Er leitete in St. Othmar eine Aufführung des Brahms-Requiem.

1966 übernahm Werner Schmid die künstlerische Leitung des Vereins und leitete sie 14 Jahre lang. Von 1979 bis 1983 war der Wiener Dirigent Otto Partmann Nachfolger Werner Schmids als Musikdirektor der MSA. In dieser Zeit bestanden auch Kontakte mit auswärtigen Chorvereinigungen und Orchestern, es wurden Konzertreisen unternommen sowie nach Mödling zum gemeinsamen Musizieren eingeladen. Von 1983 bis 1990 war Conrad Artmüller Musikdirektor der MSA. Auf ihn folgte Ernst Würdinger, der als bislang fünfter Musikdirektor die MSA von 1991 bis 1999 leitete. Von 2000 bis 2003 hatte Christian Fraberger das Amt des Musikdirektors inne.

Antal Barnás ist seit 2003 in der Funktion des Musikdirektors der MSA tätig. Er leitet 2014 zum zweiten Mal selbst die Aufführung der Missa solemnis – die 51. seit Gründung der MSA.

 

(Text nach Walter Szmolyan – gekürzt und ergänzt)